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Wie fühlt es sich an, trans zu sein?

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Transsexualität ist längst im Bewusstsein unserer Gesellschaft angekommen. Da Transsexualität aber stark mit der traditionellen Vorstellung von Mann und Frau bricht, stößt sie auch schnell auf Unverständnis. Denn warum sollte eine Kategorisierung, die seit so langer Zeit existiert, und im Alltag der allermeisten Menschen auch de facto wahr ist, plötzlich falsch sein?

Um zu verstehen, woher dieser Wandel kommt, lohnt es sich, die Frage zu stellen, wie eine Trans-Person weiß, dass sie trans ist. Wie kommt es, dass ein Mensch, der als Mann geboren wurde, plötzlich den Gedanken entwickelt, eine Frau zu sein? Um die Antwort darauf verstehen zu können, schauen wir uns zunächst die biologischen Grundlagen von Geschlecht und Geschlechtsidentität an. Um im Anschluss basierend auf Erfahrungsberichten aus der Online-Community beschreiben zu können, wie es sich anfühlt, trans zu sein.

1 Das biologische Geschlecht

Mit welchem Geschlecht sich eine Person identifiziert, ist für Außenstehende nicht erkennbar. Das biologische Geschlecht hingegen kann durchaus vom Umfeld erkannt werden: Ein Person ist entweder weiblich oder männlich. Zumindest vermeintlich. So geläufig diese binäre Klassifizierung ist, gilt sie jedoch nicht für alle Menschen. Denn das biologische Geschlecht ist kein Schalter, sondern das Ergebnis einer Vielzahl an Prozessen, die während der Entwicklung eines Menschen ineinander greifen. Und wenn ein oder mehrere dieser Prozesse gestört sind, kann das Ergebnis eine Mischung aus männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen sein. Beispielsweise gibt es Menschen, die äußerlich eindeutig weiblich erscheinen, im Bauchraum aber statt Gebärmutter und Eierstöcke unerwarteterweise Hoden haben (Goldberg-Maxwell-Morris-Syndrom). Oder aber, dass ein Mensch äußerlich eindeutig männlich erscheint, aber tatsächlich weibliche Chromosomen besitzt (46,XX testikuläres DSD).

Wenn ein Mensch biologisch nicht eindeutig männlich oder weiblich ist, nennt man diesen Umstand “Intersex”. Da es eine Vielzahl an Prozessen sind, die im Körper an der Geschlechtsbildung beteiligt sind - und entsprechend auch gestört werden können, gibt es auch viele unterschiedliche Ausprägungen von Intersex.

Trotz einer möglichen Störung der biologischen Geschlechtsbildung, läuft dieser Prozess bei den allermeisten Menschen jedoch normal ab. Lediglich 0,018% der Bevölkerung sind von Intersex betroffen [1]. Aber selbst dieser kleine Anteil reicht aus, um die binäre Klassifizierung des biologischen Geschlechts infrage zu stellen.

2 Geschlechtsidentität ist angeboren

Auf biologischer Ebene ein bestimmtes Geschlecht zu haben ist die eine Sache. Sich mit diesem Geschlecht auch zu identifizieren, eine andere. Es wäre nun leicht zu sagen, dass Geschlechtsidentität ein rein gelerntes Verhalten ist: Man identifiziert sich als Mann oder Frau, weil man von Geburt an entsprechend diesem Geschlecht behandelt worden ist. Würde man beispielsweise einen genetischen Mann von Geburt an weiblich erziehen, - so die Behauptung - müsste sich das Kind später auch als Frau identifizieren. Der berühmte Fall John/Joan [2] zeigt jedoch, dass das nicht die ganze Wahrheit sein kann: Nachdem beim Säugling Bruce seine Beschneidung misslang und sein Penis vollständig zerstört worden war, beschlossen seine Eltern, ihn - in Zusammenarbeit mit dem Psychologen John Money - fortan als “Brenda” großzuziehen. Doch anstatt die weibliche Identität anzunehmen, entwickelte Brenda typisch männliche Eigenschaften: “Sie” interessierte sich für “Jungenspielzeuge”, weigerte sich, Röcke zu tragen, und wurde in der Schule gemobbt, da sie anders war. Im Alter von 13 Jahren hatte sie einen so großen Widerstand gegen die ihr aufgezwungene weibliche Identität entwickelt, dass sie unter Androhung von Suizid schließlich die Wahrheit erfuhr und daraufhin wieder das männliche Geschlecht annahm.

So tragisch dieses Schicksal ist, ist die Ablehnung einer aufgezwungenen Geschlechtsidentität jedoch kein Einzelfall. Die Forscher Reiner und Gearhart [3] begleiteten 14 männliche Säuglinge, die aufgrund einer embroyonalen Fehlentwicklung beschädigte Genitalien hatten und daher zum weiblichen Geschlecht umgewandelt wurden. Wäre Geschlechtsidentität ein gelerntes Verhalten, hätten alle 14 Säuglinge im Laufe ihres Leben eine weibliche Identität annehmen müssen. Jedoch äußerten sich 8 der 14 Kinder im Laufe der Studie entsprechend ihrem ursprünglichen Geschlecht - nämlich als männlich.

Geschlechtsidentität scheint also stark biologisch beeinflusst zu sein und ist nicht bloß ein gelerntes Verhalten. Dass Gechlechtsidentität aber trotzdem auch eine starke soziale Komponente haben kann, zeigt der Fall von Nele [4]. Als geborenes Mädchen entwickelte sie früh den Gedanken, lieber ein Junge sein zu wollen. Auch während ihrer Pubertät blieb dieser Gedanke bestehen, weshalb sie sich schließlich im Alter von 19 Jahren einer geschlechtsangleichenden OP unterzog. Nach einiger Zeit stellte sie diese Entscheidung jedoch in Frage. Sie gelangte zu der Überzeugung, dass ihr Wunsch zur Männlichkeit weniger aus einem Unbehagen gegenüber dem weiblichen Geschlecht herrührte, sondern lediglich ein Unbehagen gegenüber der weiblichen Rolle war. Es war der Widerspruch zwischen ihren eher typisch männlichen Interessen und Eigenschaften, und dem typsich weiblichen Rollenbild, der in ihr den Gedanken hat wachsen lassen, lieber ein Mann sein zu wollen. Als sie diesen Zusammenhang erkannte, löste sich ihr Wunsch, ein Mann sein zu wollen, auf, und lebt seitdem wieder als Frau - bloß eben nicht typisch weiblich.

Dass Geschlechtsidentität eine starke biolgisch Komponente hat, lässt sich jedoch trotzdem nicht leugnen. Der Fall von Nele zeigt allerdings, dass die Gründe, weshalb sich eine Person dem einen oder dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, deutlich vielschichtiger sein können, als bloße biologische Vorbestimmung.

3 Geschlechtsidentität auf biologischer Ebene

Wenn Geschlechtsidentität eine starke biologische Komponente hat, muss es folglich möglich sein, ein Trans-Person auf biologischer Ebene erkennen zu können. Und Untersuchungen legen nahe, dass das tatsächlich möglich ist. Beispielsweise entspricht die Größe der Hirnregion BSTc - eine Hirnregion, die bei Männern und Frauen eine jeweils unterschiedliche Größe hat - eher dem empfundenen, als dem biologischen Geschlecht. [5] [6]

Aber diese neuronalen Unterschiede lassen keinen Rückschluss darauf zu, woher eine Trans-Person letztlich weiß, dass sie trans ist. Denn niemand unterzieht sich erst einem CT, stellt fest, dass bestimmte Gehirnstrukturen nicht zum biologischen Geschlecht passen, und entscheidet sich daraufhin zu einer Geschlechtsumwandlung.

Sondern Trans-Menschen beziehen dieses Wissen aus ihrer inneren Gefühlswelt. Womit wir bei der Frage angelangt sind: Wie fühlt es sich eigentlich an, trans zu sein?

4 Wie fühlt es sich an, trans zu sein?

Jeder kennt das Gefühl, in einer Situation zu sein, die einem Ungehagen bereitet. Ohne, dass man auf rationaler Ebene unbedingt fest machen kann, woher dieses Unbehagen kommt. Es mag eine Freundschaft oder Beziehung sein, in der man sich irgendwie nicht mehr wohl fühlt. Oder ein Job, der nicht ganz richtig scheint. Entscheidend ist, dass dieses Unbehagen nicht das Ergebnis einer rationalen Analyse ist, sondern eine emotionale Reaktion. Die einfach da ist. Einfach so. Ohne Erklärung oder Ausweg. Erst, wenn man sich mit diesem Unbehagen auseinander setzt, findet man nach und nach dessen Gründe. Bis man irgendwann in der Lage ist, den notwendigen Schritt in seinem Leben zu gehen, damit dieses Unbehagen wieder verschwindet. Sei es die Aussprache über einen verdrängten Konflikt oder der Wechsel in einen neuen Job. Oder schlicht der Wechsel der eigenen Perspektive. In jedem Fall erfordert dieses Unbehagen irgendeiner Form von Veränderung.

Und in derselben Weise ist Trans-Identität nicht das Ergebnis einer rationalen Überlegung, sondern Trans-Identität ist ein gefühlter Umstand: Eine falsche Geschlechtsidentität geht mit einem Gefühl von Unbehagen einher. Dieses Unbehagen kann sogar soweit gehen, dass Menschen unter ihrer falschen Geschlechtsidentität sogar wortwörtlich leiden. Erst wenn man die Ursache dieses Leidens erkennt und man seine Geschlechtsidentität anpasst, bessert sich die eigene Situation.

Die Trans-Community beantwortet die Frage danach, wie es sich anfühlt trans zu sein, analog mit der Frage, woher man weiß, dass man Rechtshänder ist. Denn niemand entscheidet sich dazu, Rechtshänder zu sein. Erst wenn man als Rechtshänder versucht, mit der linken Hand zu schreiben, merkt man ohne rational darüber nachdenken zu müssen, dass es mit der linken Hand einfach schlechter geht. Und so ist es mit Trans-Identität eben auch: Man merkt einfach, welche Geschlechtsidentität besser passt.

Der Weg, bis eine Person jedoch merkt, das sie trans ist, kann unter Umständen aber sehr lange sein. Denn im Gegensatz zum Schreiben mit der falschen Hand, ist das durch eine unpassende Geschlechtsidentität ausgelöste Unbehagen nicht unbedingt als solches erkennbar. Das Unbehagen ist einfach da, ohne mitzuteilen, warum. Und es kann lange dauern, bis man die Ursache dieses Unbehagens wirklich erkennt.

Wobei an dieser Stelle gesagt sei, dass es nicht zwingend ein Unbehagen gegenüber dem biologischen Geschlecht braucht, um trans zu sein. Es gibt auch Menschen, die gar kein Problem mit ihrem biologischen Geschlecht haben, sich aber trotzdem mit dem anderen Geschlecht wohler fühlen. Trans-sein ist nämlich nicht über die Ablehnung des biologischen Geschlechts definiert, sondern durch die Zuneigung gegenüber dem gefühltem Geschlecht.

Und damit kann die Frage danach, wie es sich anfühlt trans zu sein eigentlich ganz einfach beantwortet werden: Man fühlt schlicht, welches Geschlecht besser passt. Und dieses Gefühl ist keine Willkür, sondern hat einen biologisch feststellbaren Ursprung

Und da Geschlechtsidentität eine starke biologische Komponente hat, und die Natur, wie wir in Kapitel 1 gesehen haben, sich nicht an irgendwelche Kategorien hält, kann man sich denken, welche Formen Geschlechtsidentität alles annehmen kann. Trans zu sein muss nicht bedeuten, sich voll und ganz einem bestimmten Geschlecht zugeneigt zu fühlen. Sondern Trans-sein kann auch heißen, sich nur zum Teil männlich oder weiblich zu fühlen. Oder kann auch heißen, dass sich dieses Empfinden regelmäßig ändert. Oder kann auch heißen, dass man sich gar keinem Geschlecht gegenüber zugeneigt fühlt. Geschlechtsidentität ist ein bunter Strauß an möglichen Optionen. Die man sich aber eben nicht aussuchen, sondern einfach nur erfühlen kann.

Literaturverzeichnis

[1] L. Sax, „How Common Is Lntersex? A Response to Anne Fausto‐Sterling“, The Journal of Sex Research, Bd. 39, Nr. 3, S. 174–178, Aug. 2002, doi: 10.1080/00224490209552139.

[2] J. Colapinto, S. Schuhmacher, R. Seuß, und J. Colapinto, Der Junge, der als Mädchen aufwuchs. Düsseldorf Zürich: Walter, 2000.

[3] W. G. Reiner und J. P. Gearhart, „Discordant Sexual Identity in Some Genetic Males with Cloacal Exstrophy Assigned to Female Sex at Birth“, N Engl J Med, Bd. 350, Nr. 4, S. 333–341, Jan. 2004, doi: 10.1056/NEJMoa022236.

[4] Wenn Die Geschlechtsangleichung Nicht Glücklich Macht I 37 Grad. Verfügbar unter: https://www.zdf.de/video/reportagen/37-grad-leben-102/detrans-wenn-die-trans-op-nicht-gluecklich-macht-100

[5] J.-N. Zhou, M. A. Hofman, L. J. G. Gooren, und D. F. Swaab, „A Sex Difference in the Human Brain and Its Relation to Transsexuality“, Nature, Bd. 378, Nr. 6552, S. 68–70, Nov. 1995, doi: 10.1038/378068a0.

[6] F. P. M. Kruijver, J.-N. Zhou, C. W. Pool, M. A. Hofman, L. J. G. Gooren, und D. F. Swaab, „Male-to-Female Transsexuals Have Female Neuron Numbers in a Limbic Nucleus“, The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Bd. 85, Nr. 5, S. 2034–2041, Mai 2000, doi: 10.1210/jcem.85.5.6564.