Kapitel 4 - Wie fühlt es sich an, trans zu sein?

Jeder kennt das Gefühl, in einer Situation zu sein, die einem Ungehagen bereitet. Ohne, dass man auf rationaler Ebene unbedingt fest machen kann, woher dieses Unbehagen kommt. Es mag eine Freundschaft oder Beziehung sein, in der man sich irgendwie nicht mehr wohl fühlt. Oder ein Job, der nicht ganz richtig scheint. Entscheidend ist, dass dieses Unbehagen nicht das Ergebnis einer rationalen Analyse ist, sondern eine emotionale Reaktion. Die einfach da ist. Einfach so. Ohne Erklärung oder Ausweg. Erst, wenn man sich mit diesem Unbehagen auseinander setzt, findet man nach und nach dessen Gründe. Bis man irgendwann in der Lage ist, den notwendigen Schritt in seinem Leben zu gehen, damit dieses Unbehagen wieder verschwindet. Sei es die Aussprache über einen verdrängten Konflikt oder der Wechsel in einen neuen Job. Oder schlicht der Wechsel der eigenen Perspektive. In jedem Fall erfordert dieses Unbehagen irgendeiner Form von Veränderung.
Und in derselben Weise ist Trans-Identität nicht das Ergebnis einer rationalen Überlegung, sondern Trans-Identität ist ein gefühlter Umstand: Eine falsche Geschlechtsidentität geht mit einem Gefühl von Unbehagen einher. Dieses Unbehagen kann sogar soweit gehen, dass Menschen unter ihrer falschen Geschlechtsidentität sogar wortwörtlich leiden. Erst wenn man die Ursache dieses Leidens erkennt und man seine Geschlechtsidentität anpasst, bessert sich die eigene Situation.
Die Trans-Community beantwortet die Frage danach, wie es sich anfühlt trans zu sein, analog mit der Frage, woher man weiß, dass man Rechtshänder ist. Denn niemand entscheidet sich dazu, Rechtshänder zu sein. Erst wenn man als Rechtshänder versucht, mit der linken Hand zu schreiben, merkt man ohne rational darüber nachdenken zu müssen, dass es mit der linken Hand einfach schlechter geht. Und so ist es mit Trans-Identität eben auch: Man merkt einfach, welche Geschlechtsidentität besser passt.
Der Weg, bis eine Person jedoch merkt, das sie trans ist, kann unter Umständen aber sehr lange sein. Denn im Gegensatz zum Schreiben mit der falschen Hand, ist das durch eine unpassende Geschlechtsidentität ausgelöste Unbehagen nicht unbedingt als solches erkennbar. Das Unbehagen ist einfach da, ohne mitzuteilen, warum. Und es kann lange dauern, bis man die Ursache dieses Unbehagens wirklich erkennt.
Wobei an dieser Stelle gesagt sei, dass es nicht zwingend ein Unbehagen gegenüber dem biologischen Geschlecht braucht, um trans zu sein. Es gibt auch Menschen, die gar kein Problem mit ihrem biologischen Geschlecht haben, sich aber trotzdem mit dem anderen Geschlecht wohler fühlen. Trans-sein ist nämlich nicht über die Ablehnung des biologischen Geschlechts definiert, sondern durch die Zuneigung gegenüber dem gefühltem Geschlecht.
Und damit kann die Frage danach, wie es sich anfühlt trans zu sein eigentlich ganz einfach beantwortet werden: Man fühlt schlicht, welches Geschlecht besser passt. Und dieses Gefühl ist keine Willkür, sondern hat einen biologisch feststellbaren Ursprung
Und da Geschlechtsidentität eine starke biologische Komponente hat, und die Natur, wie wir in Kapitel 1 gesehen haben, sich nicht an irgendwelche Kategorien hält, kann man sich denken, welche Formen Geschlechtsidentität alles annehmen kann. Trans zu sein muss nicht bedeuten, sich voll und ganz einem bestimmten Geschlecht zugeneigt zu fühlen. Sondern Trans-sein kann auch heißen, sich nur zum Teil männlich oder weiblich zu fühlen. Oder kann auch heißen, dass sich dieses Empfinden regelmäßig ändert. Oder kann auch heißen, dass man sich gar keinem Geschlecht gegenüber zugeneigt fühlt. Geschlechtsidentität ist ein bunter Strauß an möglichen Optionen. Die man sich aber eben nicht aussuchen, sondern einfach nur erfühlen kann.