Kapitel 2 - Geschlechtsidentität ist angeboren

Auf biologischer Ebene ein bestimmtes Geschlecht zu haben ist die eine Sache. Sich mit diesem Geschlecht auch zu identifizieren, eine andere. Es wäre nun leicht zu sagen, dass Geschlechtsidentität ein rein gelerntes Verhalten ist: Man identifiziert sich als Mann oder Frau, weil man von Geburt an entsprechend diesem Geschlecht behandelt worden ist. Würde man beispielsweise einen genetischen Mann von Geburt an weiblich erziehen, - so die Behauptung - müsste sich das Kind später auch als Frau identifizieren. Der berühmte Fall John/Joan [2] zeigt jedoch, dass das nicht die ganze Wahrheit sein kann: Nachdem beim Säugling Bruce seine Beschneidung misslang und sein Penis vollständig zerstört worden war, beschlossen seine Eltern, ihn - in Zusammenarbeit mit dem Psychologen John Money - fortan als “Brenda” großzuziehen. Doch anstatt die weibliche Identität anzunehmen, entwickelte Brenda typisch männliche Eigenschaften: “Sie” interessierte sich für “Jungenspielzeuge”, weigerte sich, Röcke zu tragen, und wurde in der Schule gemobbt, da sie anders war. Im Alter von 13 Jahren hatte sie einen so großen Widerstand gegen die ihr aufgezwungene weibliche Identität entwickelt, dass sie unter Androhung von Suizid schließlich die Wahrheit erfuhr und daraufhin wieder das männliche Geschlecht annahm.
So tragisch dieses Schicksal ist, ist die Ablehnung einer aufgezwungenen Geschlechtsidentität jedoch kein Einzelfall. Die Forscher Reiner und Gearhart [3] begleiteten 14 männliche Säuglinge, die aufgrund einer embroyonalen Fehlentwicklung beschädigte Genitalien hatten und daher zum weiblichen Geschlecht umgewandelt wurden. Wäre Geschlechtsidentität ein gelerntes Verhalten, hätten alle 14 Säuglinge im Laufe ihres Leben eine weibliche Identität annehmen müssen. Jedoch äußerten sich 8 der 14 Kinder im Laufe der Studie entsprechend ihrem ursprünglichen Geschlecht - nämlich als männlich.
Geschlechtsidentität scheint also stark biologisch beeinflusst zu sein und ist nicht bloß ein gelerntes Verhalten. Dass Gechlechtsidentität aber trotzdem auch eine starke soziale Komponente haben kann, zeigt der Fall von Nele [4]. Als geborenes Mädchen entwickelte sie früh den Gedanken, lieber ein Junge sein zu wollen. Auch während ihrer Pubertät blieb dieser Gedanke bestehen, weshalb sie sich schließlich im Alter von 19 Jahren einer geschlechtsangleichenden OP unterzog. Nach einiger Zeit stellte sie diese Entscheidung jedoch in Frage. Sie gelangte zu der Überzeugung, dass ihr Wunsch zur Männlichkeit weniger aus einem Unbehagen gegenüber dem weiblichen Geschlecht herrührte, sondern lediglich ein Unbehagen gegenüber der weiblichen Rolle war. Es war der Widerspruch zwischen ihren eher typisch männlichen Interessen und Eigenschaften, und dem typsich weiblichen Rollenbild, der in ihr den Gedanken hat wachsen lassen, lieber ein Mann sein zu wollen. Als sie diesen Zusammenhang erkannte, löste sich ihr Wunsch, ein Mann sein zu wollen, auf, und lebt seitdem wieder als Frau - bloß eben nicht typisch weiblich.
Dass Geschlechtsidentität eine starke biolgisch Komponente hat, lässt sich jedoch trotzdem nicht leugnen. Der Fall von Nele zeigt allerdings, dass die Gründe, weshalb sich eine Person dem einen oder dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, deutlich vielschichtiger sein können, als bloße biologische Vorbestimmung.